Von unserem Büro in der Yorckstrasse geht es erstmal mit dem Fahrrad durch den Gleisdreieckpark, nicht links in Richtung Depot und Viktoria Park, sondern rechts Richtung Schöneberg. Ich bin mit Mara unterwegs. Wir radeln also links an der Eule vorbei, ein wirklich wunderbar verwinkeltes und schattiges Gartencafe (sehr schön dort zu sitzen zwischen Blumen, Schlingen, Bäumen, Hochbeeten, Wegen, Stuff), und fahren dann wieder Richtung Belziger Strasse. Ich selber liebe es unter Häusern durchzuradeln und nehme also die Pallasstrasse und fahre so in Richtung Belziger und Goltz-Strasse (und der komplizierten Fahrradwegführung) zum Schöneberger Rathaus. Das ist eine tolle Strecke – die geradeaus in Richtung Schrebergärten führt, doch wir halten uns links und überqueren die Brücke durch den Rudolph-Wilde-Park. Etwas weiter geht es unter der Bundesallee wieder rechts direkt am Cosima Filmtheater vorbei, laut Berlin.de eines der ältesten noch aktiven Familien-Unternehmen (gegr. 1935) in der Stadt und dann endlich erreichen wir den Südwestkorso. Ich gestehe, ich liebe den Südwestkorso, dem wir ein gutes Stück folgen. TIP: rechts an der Ecke „Fischtaxi“ mit dem besten Matjesbrötchen der Stadt, die Brötchen kommen direkt von Wieslau. D.h. wir sind jetzt in Friedenau. Dann kurz Obacht mit dem Fahrrad und Luft anhalten: Breitenbachplatz/Steglitz und vorbei am Tennisclub Dahlem, der Eierschale Dahlem und der Landesloge der Freimaurer, sowie dem geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Dann am Kaiser Wilhelm Platz rechts, durch Messel- und Finkenpark zum Beginn des Grunewaldes. Von der Finkenstrasse entweder über Stock und Blatt durch den Grunewald oder flott ein Stück rechts (also zurück) die Clayallee runter und von dort weisen schon Schilder den Weg in Richtung Bussardsteig 9 – und dem Brücke Museum am Ende des Weges. Wir haben unser Ziel erreicht!
Viktoria-Luise-Platz, Berlin (1929)
Aktuell ist das Brücke Museum wegen Bau/Brand/Dings geschlossen, warum auch immer zur besten Jahreszeit. Denn das ganze Ensemble, welches neben dem von Werner Düttmann 1964 konzipierten und 1967 vollendeten Museumsgebäude, aus einem schönen Garten anbei und dem zwielichtigen Kunsthaus Dahlem besteht, ist gerade im Sommer wirklich toll. Der flache, gute, sachliche Museumsbau spendet Schatten und schöne Kühle, während die Gärten und das Cafe voller Bäume und Wiesen Schatten und Wohlsinn spenden. Es ist toll dort rumzuhängen: wahrscheinlich um zu zeichnen, schreiben, lesen, reden – oder einfach nur nachzudenken (oder gerade mal nicht!). Umrahmt wird das ganze längsseitig vom Grunewald – und auch sicher mehr als nur einen Spaziergang wert. Das Kunsthaus ist ein klassischer Nazibau und schon damals als Atelier-Raum konzipiert für Arno Breker, der später von Adolf Hitler ein Rittergut geschenkt bekam, weil im Kunsthaus dauernd die Scheiben zerborsten (wegen der Luftangriffe). Naja – jetzt ist ein schönes Cafe dort drin, neben einem Restaurant und Ausstellungsraum. Das Cafe hat sehr guten Kuchen und Mara und ich haben eine Spargelsuppe gegessen. Aber vorher waren wir in der aktuellen Ausstellung, also für euch jetzt vergangen… leider, aber ich selber gehe so 2x im Jahr ins Brücke Museum, das immer wieder mit aktuellen Sammlungen und Sichtweisen auf das Werk der Künstlergruppe Brücke (Dresden, Berlin 1905 bis ca. 1913) und deren Nachbarn und Mitstreiter*innen verweist. Wir sind diesmal gezielt angereist, um uns anzuschauen:
Hanna Bekker Vom Rath – eine Aufständische für die Moderne
Hanna enstammt einer Frankfurter Industriellen-Dynastie und war somit Enkelin von Wilhelm Meister, Gründer der Farbwerke Hoechst, die zu Zeiten des ersten Weltkrieges mit den I.G. Farben fusionierte und eine mehr als schreckliche Rolle im zweiten Weltkrieg und in Deutschland bis 1945 spielte. Nach Entflechtung war sie dann auch 1951 wieder voll da und wuchs Anfang der 1980er-Jahre zum größten Pharmaunternehmen der Welt. Nur mal so!
Hanna Bekker war Mäzenin, Künstlerin, Malerin, Sammlerin und Kunsthändlerin und hat die Künstler*innen der Brücke Gruppe massiv unterstützt. Warum Aufständische? Erstmal als Sammlerin, Händlerin und Käuferin der zeitgenössischen Moderne in den späten Zwanzigern, dann als Organisatorin heimlicher Ausstellungen der damals als „Entartete Kunst“ bezeichneten Szene um und nach der Brücke-Bewegung und Umgebung. Diese Ausstellungen fanden unter einiger Gefahr in ihrer Berliner Atelier-Wohnung in der Regensburger Straße bis ins Jahr 1943 statt. Nach dem Krieg, 1952, engagierte sich Hanna auf Reisen und organisierte Wanderausstellungen u.a. durch Indien, Beirut, Griechenland, um an ein anderes Deutschland zu erinnern, was vielleicht nach Kriegsende und Ausschwitz dringend nötig war. Sie erhielt das große Bundesverdienstkreuz, Goethe Plakette, Blumenkohl… Warum war ich mit Mara da? Weil ihre Urgroßtante eine tolle Künstlerin war, die mit Hanna sowohl befreundet als auch kunstgeschäftlich verbunden war. Wunderschöne, tolle Teppich-Kunst von Ida Kerkovius, die (1879 in Riga geboren) zum Stuttgarter Kreis der Moderne gehörte und als eine wichtige Protagonistin der frühen Avantgarde um 1910 in Deutschland galt. 1911 nahm sie an einer bedeutenden Ausstellung des Berliner „Sturm“ teil. Sie studierte auch am Bauhaus Weimar und besuchte Kurse von Itten, Klee, Kandinsky. Hanna und Ida wurden Freundinnen und auch Ida gehörte zur, naja, Gruppe „Entartete Kunst“. Ein erstes Mal verlor sie viele ihrer Werke bei einer Zwangsumsiedlung ihrer deutschstämmigen Familie nach Polen (1934) und ein weiteres mal 1944, als ihr Stuttgarter Atelier bei einem Bombenangriff völlig abbrannte

Tierteppich (1919)
Trotzdem konnten Mara und ich 3 Teppiche von ihr bewundern – wirklich krasse Werke, die ich nur zu gerne bei mir hätte. Es ist so eine wollende Lust drin, Farben, Formen, Figuren, schräg, unpässlich, süss, bitter. Es gab leider nicht viele ihrer Bilder, die Ihr aber im Internet bewundern könnt. Ich würde gerne eins kaufen, ist aber gerade nicht der Moment. Es gab auch ein Bild von Hanna selber, das mir sehr gefallen hat und auf dessen Beschilderung wir einen Fehler entdeckt haben! Stja tja. Hanna Bekker Vom Rath hatte auch ihr blaues Haus im Taunus, wo viele Künstler*innen sie besuchten und der Brücke Mit-Gründer Karl-Schmidt-Rottluff, mit dem die Sammlerin eine lebenslange Freundschaft unterhielt, sogar ein eigenes Atelier gebaut bekam. Schön auch die vielen Portraits der Bekker Vom Rath, die offensichtlich in rauhen Mengen in Auftrag gegeben wurden, sicherlich um die meist armen Maler*innen großzügig zu entlohnen. Auf dem (stets) schönen Ausstellungsplakat ist ein Besonderes wiedergegeben: auf dem sie mit Zigarre und riesiger Uhr à la Smartwatch, genüsslich in ihrem Thron genannten Korbsessel fläzt. Ganz die Industrielle der Kunst.

Porträt der Sammlerin als Raucherin: Benno Walldorf, „Hanna Bekker vom Rath“, 1968
Eine tolle Sache das Brücke Museum! Ich will es kaum sagen, aber die Werke von Ida wurden nochmal vernichtet – nämlich als Fotos auf meinem verschlampten Handy. Auf der Webseite der Brücke finde ich auch keins (trotz zig Bildern), allerdings habe ich ein Gesuch gestellt.
Ich werde weiter berichten!
Euer Daniel
ps: das Bild mit der Sicht aus dem Schöneberger Atelier von Hanna hat mir gut gefallen
pps: auf der Webseite gibt es besprochene Bilder aus „Perspektiven“, zum Anhören, auch von der „Artistin“ von Kirchner, ein Bild, das mich sehr beeindruckt.

Das Rote Zimmer im Blauen Haus im Taunus (Hoepffner 1961)
Die Abbildungen wurden uns freundlicherweise vom Brücke Museum zur Verfügung gestellt.
